Neue Medien als sinnvolles Hilfsmittel bei der Trauma-Therapie
Seit Mittwoch geistert eine Zahl durch die Medien: Von Januar bis September diesen Jahres wurden bereits 480 deutsche Soldaten wegen PTBS in Folge von Auslandseinsätzen behandelt. Das sind schon jetzt mehr als im gesamten Vorjahr (466), 245 waren es 2008, 149 im Jahr 2007. 80 Prozent der Betroffenen dienten in Afghanistan. Darüber hinaus jährt sich der Selbstmord in Folge einer schweren seelischen Erkrankung von Nationaltorwart Robert Enke.
Ja, viele sind sensibler geworden, was diese Themen angeht. Mehr und mehr rücken psychische Erkrankungen und somit auch posttraumatische Belastungsstörungen in den Fokus. Seit den zunehmenden terroristischen Ausschreitungen sind sie immer wieder in den Medien. Flashbacks, innere Erstarrung, Vermeidung aller Erinnerungen, sozialer Rückzug und sogar Persönlichkeitsveränderungen werden zuerst als normale Symptome und Reaktion auf das Erleben einer meist lebensbedrohlichen Situation empfunden: Terror, Krieg, Gefangenschaft, Missbrauch und Gewalt, Unfälle und Naturkatastrophen.
Eine Hochrisikogruppe sind gewiss Soldaten. Bereits im 2. Weltkrieg und in Vietnam kam es schon zu entsprechenden Traumatisierungen, die seinerzeit nur noch nicht so tituliert wurden. Auch wenn mehr darüber gesprochen wird, man vielleicht etwas aufmerksamer ist – es reicht offensichtlich noch lange nicht. Der Wehrbeauftragte beklagt, dass viele Rückkehrer aus dem Einsatz oft nicht ausreichend betreut werden. Die Defizite bei der Versorgung traumatisierter Soldaten müssen behoben werden, denn mit Verlängerung der Mandate für die Auslandseinsätze wird auch die Zahl jener, die mit psychischen Problemen nach Hause kommen, weiter steigen. Die Einsätze werden außerdem eher härter werden. Der Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbandes, Oberst Ulrich Kirsch beklagt, dass es nicht genug Therapeuten gebe: im Frühjahr waren von 42 psychiatrischen Dienstposten in der Truppe lediglich 24 besetzt. Auch das sollte in der anstehenden Reform Beachtung finden.
Klassisch therapiert wurde PTBS bisher vor allem durch Debriefing, wobei alle Betroffenen mit den gleichen Kriseninterventionsmaßnahmen behandelt werden. Mittlerweile ist jedoch klar, dass die Betreuung eher individuell abgestimmt werden muss. Die gemachten Erfahrungen variieren ebenso wie das individuelle Leidenspotenzial und die persönlichen Strategien eines jeden.
Zunehmend kommen internet- und computer-basierte Methoden zum Einsatz und gelten als sinnvolle Ergänzung, wenngleich keinesfalls als ausreichende Therapie für dieses komplexe Krankheitsbild. Die Online-Anbindung ist natürlich gerade in Hinblick auf Soldaten im Einsatz interessant. In den USA gab es schon eine Debatte, ob Soldaten im Vorfeld von Einsätzen durch entsprechende Computerspiele mit brutalen Situationen konfrontiert - und so abgehärtet – werden sollten. Aus therapeutischer Sicht ist dies in keinem Fall belegbar und auch ethisch höchst umstritten.
Es gibt thematische Webseiten zuhauf, sie bieten Informationen und Raum für Diskussionen sowie Austausch im Sinne der Erfahrungsbewältigung. Eine unabhängige Seite ist zum Beispiel http://www.angriff-auf-die-seele.de/ptbs/, die Bundeswehr selber macht das Online-Angebot http://www.ptbs-hilfe.de/. Bei Twitter findet man zahlreiche, teils heftige, manchmal sehr kontroverse Tweets zu PTBS, bei Facebook präsentieren sich vier entsprechende, mehr oder weniger ergiebige Gruppen. Auch Xing liefert direkt zahlreiche Kontakte und Adressen. Damit ist durch die neuen Medien sicher eine Plattform geschaffen. Gerade das Internet bietet einen relativ geschützten Raum, soziale Netzwerke dienen der gezielten Kommunikation, die Kontaktaufnahme zu professionellen Helfern ist enorm erleichtert. Außerdem gibt es Therapieansätze, bei denen Patienten in virtuellen Umgebungen erneut Szenen der traumatisierenden Situation ausgesetzt wurden.


